Spot of Identity

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Christian Paulsen

_aufgezeichnet
Arbeiten auf Papier

Ausstellungsdauer: 23.03.2019 - 15.04.2019
Eröffnung: Samstag, 23.03.2018 um 17 Uhr 
Begrüßungung: Jens Blome
Einführung: Dr. Karin Stempel, Dortmund
Kuratorin: Danuta Karsten
Musik: Eckhard Koltermann, Klarinette, Saxophon

Öffnungszeiten:
Mittwochs und Samstags 15:00 - 18:00 Uhr
Sonntags 14:00 - 17:00 Uhr

Es erscheint eine Edition


Aufgezeichnet an Ort und Stelle. Das aktuelle Werk des Essener Künstlers Christian Paulsen (Jahrg. 1954) umfasst umfangreiche Serien und vor Ort entstandene, großformatige Einzelblätter, gezeichnet mit Kohle und Tusche auf Papier.

Die in schnellen Gesten direkt mit Kohle auf Papier und an den Wänden ausgeführten Zeichnungen tragen als Spuren substanziell die temporäre Übereinstimmung des Künstlers mit dem Ort und der Stelle in sich.

Die Arbeiten spiegeln als spontane zeichnerische Setzungen die mentale Befindlichkeit im prozesshaften „Flow“, d.h. im Zusammenfluss von Gefühl, Vertiefung und die Hingabe an die schöpferische Tätigkeit des gegenstandslosen Zeichnens. Dabei treffen die Sensibilität für den Moment und die Ausdrucksformen des spezifischen Materials mit den Anteilen einer inneren Spannung und den jeweiligen äußeren Einflüssen,z.B. der Atmosphäre des Ortes und der räumlichen Situation sowie der Umgebung, in produktiver Harmonie und Entladung zusammen.

Das Zeichenpapier tritt dabei in die Rolle einer Membran, die sich zwischen der berührenden, zeichnendenHand und den Oberflächen und Strukturen der Wände befindet.

Die in großen Blöcken zusammengefassten Abfolgen der bisweilen humanoid bis landschaftlich und floralassoziierbaren, schwarz-weißen Zeichnungen behalten stets ihren eigenen Rang und ihre individuelleDeutungsmöglichkeit für die Betrachter.


Einführungstext von Dr. Karin Stempel:

Weiße Papierbahnen unterschiedlicher Dichte und Körnung vor Wänden mit glatten und rauen Strukturen - über die übereinander liegenden Flächen gleitet mit leichtem Druck ein Kohlestift, dessen Abrieb nach und nach die minimalen Unebenheiten des Grundes sichtbar werden läßt. Mit Nachdruck zeichnen sich wie bei einer Frottage Strukturen durch, die wie Abdrücke die Verwerfungen der darunter liegenden Wandfläche in schwarzen Strichlagen sichtbar werden lassen. Der Stift kreist in einer Oberfläche, die keine ist, sondern durch das Ineinander von Tiefen und Höhen definiert wird. Damit ist der Grund bereitet, der Anlaß und Anstoß für die Zeichnungen von Christian Paulsen ist - ein Sprungbrett ins Ungewiße, bei dem es nicht darum geht, etwas zu erkennen, sondern darum, sich auf eine Erfahrung einzulassen, die sich jenseits des Sichtbaren im Zusammenwirken unterschiedlicher Potentiale ereignet.

Strichlagen durchqueren und durchkreuzen sich, verdichten sich in Überlagerungen, überdecken Tiefen in der Verflechtung unterschiedlichster Raumintervalle - durchwirkte Chiffren, die im Dickicht des Bildes die Problematik der Oberfläche hinter sich gelassen haben.

Zwischen Vorstellung und Darstellung, zwischen Projektion und Reflexion quasi im blinden Fleck der Wahrnehmung sind alle Unterschiede aufgehoben. Differenzierungen wie Hintergrund und Vordergrund, Untergrund und Oberfläche, Höhe und Tiefe sind außer Kraft gesetzt, indem sie als sich wechselseitig bedingende Differenzen in einem Punkt versammelt sind, dessen unendliche Potentiale sich als unausgesetzte Transformationen im zeitlichen Verlauf entfalten, ohne je mit sich selbst identisch zu sein. Irgendwann stößt jede Projektion auf Widerstand, versinkt in der Leere oder scheitert an der Dichte des Bildes. Auch wenn diese Zeichnungen ein hohes Assoziationspotential in sich versammeln - organische und anorganische Strukturen, landschaftliches Gelichter, schemenhafte Gesichter, spukhafte Gestalten, Geisterbilder und Phantome - strömend, schwebend, driftend, zusammengeknüllt sich schließend, offen nach allen Seiten sind all diese Lesarten Ablagerungen eines Sehens, das in der Anschauung diesseits des Sichtbaren befangen ist und das angesichts der differenzierten Eigengesetzlichkeit dieser Zeichnungen hinfällig wird.

Die Autonomie dieser Zeichnungen findet ihren Grund in einem Automatismus des Zeichnens, in dem das, was jedem Sichtbaren, jeder Anschauung, jeder Abstraktion, jeder Konnotation voran geht, sichtbar wird. Es geht damit um die Evidenz von quasi gegenstandsfreien, nichts außer sich selbst bedeutenden Sichtbarkeitswerten, die jeder Anschauung und ihren von geistigen Operationen und durch Formen des Denkens geprägten Regulativen vorausgesetzt sind - im wahrsten Sinne avant la lettre und vor jedem buchstabierenden Sehen, das den Betrachter mit seinen eigenen Sichtweisen und damit mit sich selbst konfrontiert.

Denn - um eine Formulierung von Georges Didi-Huberman zu gebrauchen: Was wir sehen blickt uns an.

Darstellung und Vorstellung durchdringen sich in Projektionen, die gleichzeitig Reflexionen sind, in denen Subjekt und Objekt in eins gesetzt sind, gleichwertige Potentiale eines Prozesses, der eine ergebnisoffene Suchbewegung in Möglichkeitsräumen ist, indem durch das Zusammenwirken von Künstler, Materie und Betrachter Modelle einer neuen Weltvorstellung und Weltdarstellung erfahrbar werden.

Den Gegensatz zwischen zwei deutlich unterschiedenen Weltvor- und Weltdarstellungen bzw. zwei unterschiedlichen Arten des In-der-Welt-Seins analysiert der englische Kybernetiker Andrew Pickering in seinem Buch „Neue Ontologien“. Er verdeutlicht den Gegensatz dieser verschiedenen Anschauungen am Beispiel zweier holländischer Künstler, nämlich Piet Mondrian und Willem de Kooning. „So können die Werke diese beiden Maler für zwei verschiedene Ontologien stehen. Die eine - gemeint ist hier Mondrian - enthält einen Dualismus von Menschlichem und Nicht-Menschlichem, eine Distanziertheit und eine Beherrschung von letzterem Bereich durch ersteren sowie ein Auslöschen der Zeit; zur anderen Ontologie - gemeint ist de Kooning - gehört ein unmittelbares symmetrisches Engagement zwischen Menschlichem und Nicht-Menschlichem und ein wesenhaft zeitliches Werden in diesem Engagement.“

Der grundlegende Unterschied, um den es Pickering letztlich geht, ist, dass sich bei de Kooning Gemälden menschliche und nicht-menschliche Handlungs- und Wirkungsmächte mischen und als gleichrangige „agencies“ fungieren, d.h. daß Material ähnlich handelt, agiert, eigene Gesetzmäßigkeiten entwickelt und offenbart, wie man sie herkömmlicherweise nur dem handelnden Subjekt, dem Künstler, zuschreibt. „Agencies“ läßt sich weder mit Agenzien noch mit Akteuren übersetzen, da es genau um jene posthumane Mischform geht, in der Dinge ebenso handeln können wie Menschen, und Roboter ebenso aktiv sein können wie Vulkane.

Begreift man nun wie Pickering diese neue Ontologie als ein Feld von Praxis, dass durch das Aufeinandereinwirken von menschlichen und nicht-menschlichen „agencies“ gekennzeichnet ist, ist die alte Unterscheidung zwischen erkennendem Subjekt und zu erkennendem Objekt -also zwischen Betrachter und Bild- ebenso obsolet geworden wie die Unterscheidung zwischen menschlichen und nicht-menschlichen Handlungs- und Wirkmächten - also Künstler und Materie - eine Erkenntnis, die spätestens seit Beginn des 20.Jahrhunderts sowohl von Natur- als auch Geisteswissenschaftlern und - last but not least -Künstlern und Künstlerinnen immer wieder thematisiert worden ist.

Christian Paulsen begibt sich mit seinen Zeichnungen auf dieses neue Terrain, dessen Dynamik er sich ausliefert, in immer wieder neuen Improvisationen, die im Zwischenreich zwischen Subjet und Objekt, zwischen Betachter und Bild, zwischen Darstellung und Vorstellung kaskadieren, indem sie Sturzbäche und Bilderstürme auslösen, die unentwegt unterwegs sind zum Bild, ohne je dabei inne zu halten. Er wandelt dabei - ebenso wie der Betrachter - wie auf Traumpfaden, bei denen ein Lied - eine Stimmung, eine Gestimmtheit - gleichzeitig Karte und Kompass ist - sofern man dem Lauf der Melodie zu folgen weiß.